Ulrich Urban
Das Andere
oder
Jede Wahrheit braucht die Wahrheit der Lüge
Die Moderne verbannte das Ornament, den nutzlosen Luxus des rein Formalen, das in endlosen Schichten aufgetragene sinnfreie Mehr an Arbeit und Geld. Sie ersetzte das Dekor durch ein silbergrau strahlendes Skelett einer puristisch-rationalisierten Welt mit rechtem Winkel und gesamtgesellschaftlicher Re-Form.
Was aussah wie ein längst überfälliges indexikalisches Projekt der kompletten Neuorganisation der westlichen und auch sowjetischen Lebensrealität, fand seinen Ursprung durch nahezu zeitgleiche fundamental neue Erkenntnisse und Forderungen in Musik, Bildender Kunst, Literatur, Theater und Architektur sowie der Soziologie und Psychologie. Im historischen Verlauf erfasste diese Bewegung des Umbruchs nahezu jeden Bereich des politischen und gesellschaftlichen Lebens, wurde zu einem Wandler und Jäger tradierter Ideologien und zu einer glühenden Versprechung, die alles was war vaporisiert und alles was kommt erleuchtet.
Architektonisch waren die Veränderung klar erkennbar, denn multiple Ornamentik wurde durch das Form-follows-Function-Paradigma ersetzt, bei dem sich der individualisierte Mensch im Zentrum einer, an die sozialen und ökonomischen Bedingungen ständig wachsender Metropolen angepassten Architektur befindet. Hoch, klar, rational war das als evolutionär wahrgenommene Prinzip einer Zeit, die sich von seiner Vergangenheit verabschieden wollte, die aus Zukunft Gegenwart erschuf und aus Konzepten neuerlich Dogmen.
Aus Rationalität entstand der Glaube an einen andauernden Fortschritt, aus dem Fortschrittsgedanken die Notwendigkeit immer größerer Produktionen und des Gewinns, aus der Logik des Gewinns der jeden und alles definierende Zwang zur Arbeit.
Als der Tag der Moderne verging, blieb es hell und die Welt verlor ihren Schlaf. Die Postmoderne zeigte ab der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts in kritischer Abgrenzung, worin die Fehlannahmen und Totalitarismen der Moderne bestanden, doch einige Entwicklungen dieser Zeit hatten sich bereits radikalisiert, was vor allem in der zunehmenden Vereinzelung des Individuums und der als ahistorisches Gesetz verkleideten Grundbedingung des wirtschaftlichen Fortschritts zu erkennen ist.
Das durchaus positive Verschwinden einer sinnentleerten Ornamentik findet in diesem Zusammenhang seine politische Entsprechung im Abbau wirtschaftlich wertloser sozialer Sicherungssysteme und einer ökonomischen Rationalisierung aller Wertschöpfungsprozesse innerhalb der westlichen Gesellschaften. |